Die eigene Verantwortung

Eltern bleiben - Ein Leben lang

Die eigene Verantwortung

4. November 2017 Trennung 1

Trennung, Kinder und die unbequeme Entscheidung

„Scheiden tut weh“, sagt der Volksmund.
Bedauerlicherweise beziehen viele Eltern diesen Satz vor allem auf ihr eigenes Leid – und deutlich seltener auf das der Kinder.

Dabei tragen Kinder die Folgen elterlicher Trennungen meist am längsten. Nicht, weil Trennung an sich zwangsläufig schädlich wäre, sondern weil Erwachsene häufig in ihren eigenen Verletzungen stecken bleiben.

Bernard S. Mayer bringt es in seinem Buch Die Dynamik der Konfliktlösung – Ein Leitfaden für die Praxis auf den Punkt:

„Sie müssen sich entscheiden, ob Sie Ihre Kinder mehr lieben,
als Sie Ihren Ex-Partner hassen.“

Viele Eltern stolpern über das Wort entscheiden.
Liebe und Hass gelten als schicksalhafte Gefühle – als etwas, das man nicht steuern darf, ohne sich selbst zu verraten. Doch ob eine Trennung für Kinder zum dauerhaften Trauma wird, hängt in erheblichem Maße genau von dieser Entscheidung ab.


Kinder brauchen beide Eltern

Über das Kindeswohl besteht heute weitgehend Einigkeit: Kinder brauchen beide Eltern.
Es gibt kein „besser“ oder „schlechter“ in der grundsätzlichen Bedeutung von Mutter und Vater.

Mütterliche und väterliche Bedeutung gegeneinander aufrechnen zu wollen, ist wie Äpfel mit einer beliebigen Sportart zu vergleichen. Beides erfüllt unterschiedliche Funktionen – beides ist relevant.

Natürlich können Kinder auch bei einem alleinerziehenden Elternteil aufwachsen. Aber das ist wie beim Yin-Yang-Symbol: Ein Element allein ergibt keinen Kreis.

Damit Kinder beide Eltern ohne Loyalitätskonflikte lieben können, müssen die Eltern bereit sein, von der Paar- auf die Elternebene zu wechseln.
Und genau hier taucht sie wieder auf: die Entscheidung.


Der Wechsel auf die Elternebene

Der Wechsel von der Paar- zur Elternebene erfordert mehr als guten Willen.
Er setzt voraus, sich von der einfachen Täter-/Opfer-Logik zu verabschieden, mit der viele Erwachsene versuchen, ihre eigene Verantwortung am Scheitern der Beziehung abzuwehren.

In dieser Hinsicht richten viele Online-Selbsthilfegruppen mehr Schaden als Nutzen an. In wohlmeinender Solidarität werden dort schnell Schuldige benannt – je nach Gruppenausrichtung ist es zuverlässig der Ex-Partner oder die Ex-Partnerin.

Das wirkt entlastend.
Es wirkt verbindend.
Aber es wirkt nicht klärend.


Die bequeme Opferrolle

Die Opferrolle ist attraktiv, weil sie schützt.

Als Opfer muss man sich nicht mit der schmerzhaften Frage beschäftigen, welchen Anteil man selbst an der Trennung hatte.
Als Opfer trägt man keine Verantwortung für das Elend der Situation.
Als Opfer kann man sagen:
„Mach du erst einmal deine Schuld wieder gut.“

Das hilft niemandem – und am wenigsten den Kindern.
Denn Kindern ist es in der Regel egal, wer warum die Paarbeziehung gegen die Wand gefahren hat. Sie brauchen keine Schuldzuweisungen, sondern verlässliche Erwachsene.

Hier bestätigt sich ein Gedanke von Friedrich Nietzsche:

„›Das habe ich getan‹, sagt mein Gedächtnis.
›Das kann ich nicht getan haben‹, sagt mein Stolz –
und bleibt unerbittlich.
Endlich gibt das Gedächtnis nach.“

Familienberater haben recht, wenn sie sagen:
Für das Scheitern einer Beziehung braucht es fast immer zwei.

Und genau diese Verantwortung ernst zu nehmen, ist Voraussetzung für den Wechsel auf die Elternebene.


Der Fischer, Sin Fru und moderne Trennungen

Das Märchen Vom Fischer und seiner Frau ist ein erstaunlich präzises Sinnbild moderner Trennungskonflikte.

Der Fischer lebt ehrgeizlos mit seiner Frau in einer Bruchbude.
Er fährt täglich aufs Meer, sie hält den Alltag zusammen. Kinder kommen im Märchen praktischerweise nicht vor.

Eines Tages fängt er einen sprechenden Fisch, lässt ihn frei – und wird von seiner Frau darauf hingewiesen, dass man aus solchen Gelegenheiten gefälligst mehr herausholen müsse.
Haus. Palast. Krone. Kaiserwürde. Wunsch für Wunsch fährt der Fischer hinaus und erfüllt ihn.

Bis seine Frau Gott werden will.

Dann ist Schluss.
Der Kreditrahmen ist überzogen.
Am Ende sitzen beide wieder in der Bruchbude.

In einer modernen Version würde hier vermutlich die Scheidung folgen – samt Rosenkrieg um Haus, Kinder und Deutungshoheit.


Zwei Gruppen, zwei Wahrheiten

Der Fischer sitzt anschließend in einer Selbsthilfegruppe und klagt:

„Meine Ex war nie zufrieden. Egal, was ich gemacht habe – es war nie genug. Jetzt steht sie mir auch noch die Kinder weg.“

Seine Frau sitzt in einer anderen Gruppe und klagt:

„Ohne mich hätte der nie etwas erreicht. Jetzt lässt er mich mit den Kindern allein und sucht sich längst eine neue.“

Beide bekommen Zuspruch.
Beide fühlen sich verstanden.
Beide bleiben stehen.


Verantwortung statt Schuld

Man kann in diesem Märchen die Schuld eindeutig verteilen.
Man kann aber auch erkennen, dass beide Seiten Verantwortung tragen.

Die Wünsche eines Partners nimmt man nicht dadurch ernst, dass man sie kritiklos erfüllt.
Man nimmt sie ernst, indem man fragt, warum sie entstehen – und wo Grenzen notwendig sind.

Grenzen sind kein Liebesentzug.
Grenzen sind Orientierung.


Opfer sind passiv

Als Opfer ist man passiv.
Man kann nicht gestalten, weil man sich selbst jeden Einfluss abspricht.
Man lernt nichts – und wiederholt dieselben Muster.

Wer seine Ex-Partner detailliert analysieren kann, aber das eigene Verhalten nicht hinterfragt, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit immer wieder ähnliche Beziehungen führen.

Solange keine Kinder betroffen sind, mag das tragisch, aber harmlos sein.
Mit Kindern wird es problematisch.

Die entscheidende Frage lautet dann:

Lieben Sie Ihre Kinder mehr als Ihre Opferrolle?


Elternebene statt Paarkonflikt

Wer den Wechsel auf die Elternebene ernst meint, muss sich der eigenen Verantwortung stellen. Nur so lässt sich Groll abbauen und Gestaltungsspielraum zurückgewinnen.

Anders werden Sie es kaum schaffen, als Eltern gemeinsam bei Schulveranstaltungen, Konzerten oder Theateraufführungen Ihrer Kinder zu sitzen, ohne sich gegenseitig zu zerfleischen.
Ihre Kinder werden es zu schätzen wissen, dass sie sich darauf verlassen können, dass beide Eltern präsent sind – und es ohne Drama bleiben.

Sätze wie
„Ich wollte ja nie schlecht über deinen Vater/deine Mutter reden, aber …“
sind kein Zeichen von Rücksicht, sondern ein Symptom ungelöster Paarkonflikte.

Sie rauben Kindern das Recht, den anderen Elternteil unbelastet zu lieben.


Wenn das Gedächtnis stärker ist als der Stolz

Es hilft, den eigenen Anteil am Scheitern der Beziehung anzusehen – nicht, um Schuld zu internalisieren, sondern um wieder handlungsfähig zu werden.

Menschen, die Verantwortung übernehmen, entwickeln sich weiter.
Menschen, die in der Opferrolle verharren, bleiben stehen.

Wer bereit ist, den eigenen Anteil zu reflektieren, gewinnt etwas Entscheidendes zurück: Gestaltungsspielraum.
Gestaltung für sich selbst – und vor allem für die Kinder.

Kinder brauchen keine perfekten Eltern.
Sie brauchen Eltern, die erwachsen genug sind, ihre Geschichte nicht auf ihrem Rücken auszutragen.


Schlussgedanke

Verantwortung zu übernehmen bedeutet nicht, alles auf sich zu laden.
Es bedeutet, den eigenen Anteil anzuerkennen – um handlungsfähig zu bleiben.

Oder anders gefragt:

Was ist Ihnen wichtiger:
Recht zu haben –
oder ein Kind, das ohne Loyalitätskonflikte lieben darf?

Eine Antwort

  1. […] sie sich ans Jugendamt wenden, kriegen Sie Ihre Paarebene aussortiert. Finden Sie Ihre eigenen Anteile, am Scheitern der Beziehung. Seien sie versichert: Selbst wenn er […]

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